Auswandern nach Brasilien - Stattseite
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Ralf 2001 Minas Gerais

 

 

Der (falsche) Mythos Brasilien

Das ich mein Leben nicht für immer in Deutschland verbringen wollte, war mir schon mit 16 Jahren klar. Damals schwärmte ich noch für den südeuropäischen Raum wie Italien und Spanien. Aber mit der Annäherung zu Mitteleuropa verloren diese Länder mehr und mehr ihren "exotischen" Reiz und so begrub ich für viele Jahre meine Hoffnungen.

Anfang der 90er kam dann der Zufall zu Hilfe. Ich lernte in Deutschland eine Brasilianerin kennen, die mir den Vorschlag unterbreitet eine Sambagruppe mit in Deutschland lebenden Brasilianer(innen) zu eröffnen - mit mir als Manager und nicht etwa als Tänzer :

Über diese Rolle lernte ich dann 1997 auch das erste Mal Brasilien kennen, genauer gesagt Rio de Janeiro. Ich war von der Leichtigkeit und Unkompliziertheit dieses Landes sofort gefesselt - und es war warm dort - ich hasse das deutsche Klima. Es schien dort wohl Gesetze zu geben - aber niemand scherte sich sonderlich darum. Die Autos waren Rostlauben, einen TÜV gab es nicht, Radarfallen auch nicht und Führerschein schienen ein Fremdwort zu sein.

Für die nächsten 4 Jahre buchte ich alle meine Urlaube nur noch nach Brasilien, reiste dort auch ein wenig herum um dann letztendlich für Dezember 2001 meinen Ausstieg aus Deutschland zu besiegeln. Der Verkauf meiner Firma in Deutschland sollte mir das entsprechende finanzielle Rückenpolster sichern, der Wechselkurs war im Verhältnis der brasilianischen Lebenshaltungskosten gut. Ich wollte aussteigen - nicht reich werden, ich wollte meinen Frieden, Freiheit, ein kleines Häuschen, ein Auto und einen Internetanschluss haben - und natürlich, die obligatorischen Samba und Funk Partys an den Wochenenden auf den Strassen de Bairros. Nebenher ein bisschen Geld verdienen mit (deutschem) Tourismus an den schönen Stränden Brasiliens (nein - nicht an der Copacabana) und ein bisschen die Brasil Shows weitermachen, die ich schon in Deutschland angefangen hatte. So war es geplant.

Um so erstaunter war ich dann, als Anfang 2002 die ersten Radarfallen in Brasilien installiert wurden und die Polizei rigoros mit den, zum Teil recht lautstarken Partys auf den Strassen aufräumte. Viele Brasilianer verloren ihr Auto in den folgenden Jahren da diese in einem erbärmlichen Zustand waren oder der Fahrer ohne Führerschein. Irgendetwas schien sich in Brasilien rapide zu verändern. Es hatte mich inzwischen nach Belo Horizonte verschlagen. Auch bemerkte ich innerhalb der ersten 9 Monate, dass die gründliche deutsche "Formular - Stempel - Bürokratie" und deren Schneckentempo von der brasilianischen um Längen geschlagen wird. Das man in Brasilien ein Auto gleich mit Strafzettel und unbezahlten Steuern vom Vorbesitzer kauft, ein Haus mit unbezahlten Wasserrechnung und Stromrechnung anmietet (und man somit wochenlang ohne Strom und Wasser ist, bis der Streit wer dies nun bezahlt geregelt ist) tat ich damals noch als "Lehrgeld zahlen" ab. Leider muss ich heute, nach 6 Jahren Aufenthalt sagen, Lehrgeld zahlt man in diesem Land wohl solange man dort lebt - und nicht nur als Ausländer.

Das der oben erwähnte, von einem Gebrauchtwagenhändler gekaufte Opel Kadett, einen gestohlenen Motor inne hatte, stellte sich übrigens beim Verkauf des selbigen knapp drei Jahre später bei einer genaueren Untersuchung der Motornummer heraus.

Um noch einige Beispiele zu nennen die nicht nur mir, sondern auch meinem brasilianischen Bekanntenkreis wiederfahren sind. Anmeldung eines Telefonanschlusses auf meinen Namen (CPF), von Leuten und in einem Vorort, von dem ich vorher nie gehört habe, mit einer Folgerechnung von über 3000 Real. Folge: - Eintrag in die brasilianische Schufa. Seit ca. 2 Jahren streite ich mit der Telefongesellschaft vor Gericht darüber rum - einen Vertrag mit meiner Unterschrift hat mir bis heute noch keiner präsentieren können. Trotzdem könnte ich keinen Telefonanschluss auf meinen Namen bekommen da ich ja "Schuldner" bin. Gleiches ist meiner Freundin übrigens vor 5 Jahren passiert - mit 600 Real Telefonkosten. Ist wohl "normal" in Brasilien.

Ein Bekannter wollte ein Haus anmieten, er fand in einem Vorort von Belo Horizonte ein Schild mit der Aufschrift, dass das Hinterhaus zu vermieten sei. Mietvertrag unterschrieben, 6 Monats Kaution bezahlt, ein bisschen renoviert, eingezogen. 3 Wochen später steht der Hausbesitzer, der, wie sich herausstellte, in einer andern Stadt wohnt, mit einer Räumungsbefehl vor der Tür. Die Leute im Vorderhaus waren gar nicht die Besitzer sondern haben sich nur als diese ausgegeben. Sie selbst hatten dieses Haus "besetzt" und dann gleich das Hinterhaus "mitvermietet". Klar dass die Kaution meines Bekannten futsch war.

All dies zeigt, mit welchem Einfallsreichtum Brasilianer lügen und betrügen - auf einer Ebene, der wir Europäer nicht gewachsen sind. Dies sind keine Einzelfälle. Und es ist nicht so, dass ich mich mit Leuten aus Favelas rumgetrieben oder in ihrem Einflussbereich gewohnt hätte. Wer die Nachrichten im brasilianischen Fernsehen verfolgt, sieht diese Falschheit und Korruption auf allen Seiten - flächendeckend. Ob Polizei, Richter, Rechtsanwälte oder Politiker. Wer nicht irgendjemand kennt, am besten in der Familie oder genug Geld (oder Lust) hat um zu schmieren der hat verloren, wer nicht korrupt ist (und da gehöre ich nun mal dazu), zieht den Kürzeren. Dies zeigen selbst die allgegenwärtigen brasilianischen Telenovelas sehr authentisch. Und natürlich sind hier alle auch hochchristlich und gottbekennend - frei nach dem Motto - morgens jemand erleichtert, abends gebeichtet.

Und so wollte ich mich eigentlich schon Anfang 2005 wieder von Brasilien verabschieden, die zwei Manns hohen Mauern um jedes Grundstück waren auch nicht so gerade mein Ding - lassen sie doch von Freiheit wenig vermitteln.

Doch es ergab sich, dass mich drei Ex-Mitglieder meiner inzwischen aus Brasilien stammenden Samba Gruppe anzeigten, ich würde statt Samba Shows, Mädchenhandel nach / in Europa betreiben. Trotz erwiesener Falschanschuldigung (die Polizei in Europa hat dies schriftlich bestätigt und auch die 3 Denunzianten des Landes verwiesen) und den Aussagen der restlichen 14 Gruppenmitgliedern, wurde ich für 2 Monate in Brasilien in den Knast gesteckt. Dass in dieser Zeit natürlich mein Haus komplett ausgeraubt wurde (zumindest das was nicht schon vorher von der PF beschlagnahmt und bis heute noch nicht zurückgegeben wurde), brauche ich wahrscheinlich nicht extra erwähnen. Das Gericht ist übrigens auch heute, nach 2,5 Jahren, noch immer nicht zu einem Urteil gekommen. Bei durchschnittlich 5-Gerichts-Arbeitsmonaten pro Jahr (Feiertage, Ferien, Karneval, Streik, Aktenumstellungen, Ersatzrichter) ist dies auch kein Wunder. Ein Rechtsstaat ist Brasilien allenfalls auf dem Papier. Rassistische Richter mit Nazitendenz, die "darauf pfeifen was Ermittlungen der Polizei in dem Land ergeben" (Originalaussage eines Richters am Strafgericht) in dem die eigentliche "Straftat" begangen worden sein soll - Alle Ausländer wollen uns Brasilianer ausnutzen und diesem Gringo werden wir es jetzt zeigen - so war der unüberhörbare Tenor. Fragt sich nur wer hier wen ausnutzt.

Inzwischen weis ich auch, das es in Brasilien ganz normal, um nicht zu sagen Mode ist, zumindest einen Arbeitsprozess gegen seinen Ex-Arbeitgeber nach eigenem Ausscheiden anzustrengen. Irgend einen Grund findet sich immer, genau so wie genug Zeugen die alles bestätigen.

Ich könnte noch über zig solcher, zum Teil unglaublichen Vorfällen berichten, und letztendlich kann ich aus den Jahren in Brasilien nur folgenden Schluss über die Mentalität eines Grossteils der brasilianischen Bevölkerung ziehen. Wer nichts hat, klaut es. Wer nicht klaut, der schaut das zumindest der Nächste auch zu nichts kommt. Und wer es zu etwas gebracht hat, der ist korrupt und hat es vorher zusammengeklaut. Egal ob es die Grossen von den Mittleren und die Mittleren von den Kleinen und diese wiederum von den Mittleren holen - es ist ein Hauen und Stechen ungeahnten Ausmasses. Ich kenne kaum einen Brasilianer der mehr als ein Jahr die gleiche Arbeitsstelle inne hat und mehr als 2/3 kündigen selbst bzw. erscheinen einfach nicht mehr zur Arbeit.

Dass es von dieser Regel auch Ausnahmen gibt möchte ich nicht bestreiten. Ich auf alle Fälle habe in 6 Jahren (zähle ich von 1997 an, so sind es 10 Jahre) nur eine Hand voll gefunden, bin zwischen Vitoria und Porto Alegre, Rio de Janeiro und Foz de Iguaçu viel gereist und habe bestimmt nicht wenig Leute kennen gelernt. Hierbei konnte ich übrigens einen gewissen positiven Einfluss auf oben beschriebener Mentalitätsproblematik im Bereich der frühren grossen brasilianischen Einwanderungsgebiete rund um die Staaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul durch europäischer Auswanderer feststellen, die wohl bis heute für eine etwas aufrichtigere Mentalität im brasilianischen Blut sorgen. Allerdings sind die klimatischen Bedingungen in der Nähe des 30. südlichen Breitengrades bei weitem nicht mehr so angenehm als oberhalb des südlichen Wendekreises.

Resümee:

Wer sich hier (als Auswanderer) mit einer kleinen Firma selbstständig machen will, und dann auch noch mit brasilianischen Angestellten, fällt höchst wahrscheinlich auf die Nase. Zumindest wen der / die Angestellte(n) genug Hinterhältigkeit beweisen. Da kann die Firmenexistenz oder zumindest ein Jahresgewinn ganz schnell im Eimer sein.

Aber selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, man hat ja logischerweise immer irgendwie in Brasilien mit Brasilianer Kontakt, sofern man nicht auf die berühmte einsame Insel zieht :

Und so kann ich eigentlich keinem empfehlen nach Brasilien auszuwandern (und bin auch nicht mehr sehr für die Einwanderung von Brasilianer nach Europa, da doch ein gewiss nicht kleiner Anteil diese Abzocker Mentalität über Jahre beibehält) - es sei denn er fühlt sich unter den oben genannten Bedingungen wohl. Leider, denn Brasilien ist von Land und Natur her gesehen wirklich atemberaubend, abwechslungsreich und könnte eigentlich auch ein sehr reiches Land (Stichwort Bodenschätze, Öl, Gas, Agrar, Tourismus) sein. Von der anfangs erwähnten Freiheit und dem Frieden habe zumindest ich in Brasilien nichts gefunden. Es gibt eine erhebliche Differenz zwischen dem wie sich Brasilien selbst (oder auch viele andere Länder bzw. Nichtbrasilianer - meist aus Unwissenheit und Falschinformationen) in der Welt darstellt und der effektiven Realität in Brasilien.

Was letztendlich noch übrig bleibt ist die leidenschaftliche brasilianische Musik, die Tänze und viel Sonne - zu wenig um hier zu bleiben.

Als Empfehlung wer trotzdem unbedingt her will, oberste Regel für mindestens die ersten 5 Jahre, nicht alle Brücken in die Heimat abbrechen damit man bei Nichtgefallen schnell und unkompliziert wieder zurück kann (gelle Bernie ;-), und das Buch Wilder Westen Brasilien eines deutschen Auswanderer "Leidensgenossen" vorher lesen.

Ach ja - den Wechselkurs im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten (bis auf wenige Ausnahmen) kann man inzwischen auch getrost vergessen. Brasilien ist teu(r)er geworden.

Zum Schluss noch eine (sicher nicht repräsentative) Statistik über 11 deutsche bzw. schweizer Auswanderer, die ich in den Jahren in Brasilien (Recife, Rio, Joinville, BH) kennen gelernt und auch z.T. über Brasilien und seine Bevölkerung gesprochen habe:

  • 2 haben nach 9 Monaten bzw. 7 Jahren Brasilien Selbstmord begangen (das Geld war alle).
  • 1er wird sich wohl demnächst zu Tode getrunken haben, er sieht nicht sehr glücklich aus.
  • 3 sind nach 6 Monaten, 3 Jahren bzw. 5 Jahren wieder zurück ins Heimatland.
  • 1er sieht (und schreibt über) Brasilien ähnlich wie ich, ist aber dennoch seit 5 Jahren immer noch hier.
  • 3 (alle über 65) sind schon lange hier, nehmen es gelassen - sehen aber auch die Problematik.
  • 1er ist (erfolgreicher) Geschäftsmann in Rio und "arrangiert" sich.
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...und selbst Rony Biggs ist (gesundheits- und geldbedingt) nach 30 Jahren doch lieber zurück in den Knast nach England gegangen als in Brasilien zu bleiben.

In der Hoffnung doch noch irgendwann DAS Land zu finden, befinde ich mich gerade auf dem Rückzug von Brasilien und wünsche all denen, die doch den Schritt in Richtung Brasilien zu wagen, sehr, sehr viel GLÜCK.......